Da ich meine Ausflüge in den Vegetarismus selbst nicht mehr als aufschreibeswert erachte, wende ich mich wieder wichtigen Dingen zu:
Die meisten meiner Leser wissen, dass ich einst einer Religion angehört habe, die nicht nur die Menschheitsgeschichte mehr geprägt hat als irgendeine andere Bewegung, sondern gleichzeitig in nur fünfzig Jahren einen Bedeutungsverlust erlitten hat wie es kaum einen zweiten gab.
Das Christentum wurde von den Denkern des 19. Jahrhunderts derart tief vergiftet, dass die Wurzeln dieser Institution verfaulten, während die weltliche Obrigkeit den Stamm weiter mit allen Mitteln festhielt – mit dem Sozialismus und in besonderer Weise nach dem Nationalsozialismus verschwanden erst die Christen, dann die christlichen Obrigkeiten, das gesamte Gebäude der Kirchen stürzte. Allein in dem philosophiefernen Amerika finden die Grundsätze noch Nährboden, der Niedergang ist, das ist absolut trivial, auch hier nur eine Frage der Zeit.
Eine ähnliche Entwicklung habe ich selbst durchgemacht und mich letztendlich zu meiner großen Befreiung gegen das entschieden, was ich noch heute als das durchdachteste Konzept der Menschheitsgeschichte bezeichne. Es war eine zunächst durch und durch positive Entscheidung, jedoch fange ich zu vermissen an.
Ich vermisse die Geborgenheit, das Opium, welches die Religion zweifelsfrei gab. Das Christentum ermöglicht einen direkten Dialog mit einem göttlichen Wesen, es gibt dem Guten wie dem Schlechten einen Sinn, es lässt den Tod nur halb so schrecklich erscheinen. Wenngleich ich niemals überzeugt an das ewige Leben glauben mochte, so gab es doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür einmal einen himmlischen Zustand zu erreichen.
Gestern habe ich zutiefst christliche Musik gehört, und wieder verstanden, was mich einst so sehr an dem Unmöglichen festhalten lies – Kindheitserinnerungen, 2000 Jahre Werke gleichdenkender Menschen, heute bin ich so allein wie man nur allein sein kann mit seinem Weltbild, Hoffnung, diesen Begriff habe ich aus meinem Kopf verbannt, Göttlichkeit, diese suche ich nun allein bei Menschen, und grenzenlose Liebe. Liebe nicht von Gott zu den Menschen, doch eine Liebe von Menschen zu Gott, die ich in meiner frühen Jugend abgelegt habe, wegen der ich teilweise Eifersucht gegenüber Gott empfand, die jedoch den guten Menschen, und, ich betone, nur diese kann diesen erschaffen, ermöglicht.
Wenige Bücher konnten mich derart faszinieren wie die Bibel. Die Symbiose von Gut und Böse, von Logik und prinzipiell nicht Verständlichen, die Kälte Gottes und seine doch existierende Gnade. Das Opfer Jesu, welches mich in so mancher Nacht in ein wunderbares Leiden stürzte, und da mich die Bibel sogar zum Weinen brachte, ein Erlebnis, welches ich sonst nicht kenne, machte sie mich doch um einiges menschlicher. Trauer in gegenseitiger Liebe, gemeinsames Leid, davon handeln die großen Bücher, das ist der Stoff, aus dem Menschen gemacht werden. Mir bleibt diese Erfahrung außerhalb der Religion bis jetzt verwehrt.
Jesus bleibt tot, ein Fakt, der mich als Christ niemals gestört hat. Jedoch hat mich das zum Atheisten gemacht, ich wünschte er wäre lebendig.